Branchen-News

Dachziegel: Liefersituation und Preisentwicklung bleiben kritisch


Lesezeit 4'

20. September 2022 10:00 - Knut Köstergarten
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Dachziegel: Liefersituation und Preisentwicklung bleiben kritisch


Lesezeit 4'

20. September 2022 10:00 - Knut Köstergarten

Während sich in Sachen Bitumenschweißbahnen, Dämmstoffe oder Holz die Verfügbarkeit der Materialien aktuell deutlich verbessert hat, bleiben Ton-Dachziegel der Problembereich. Auch was weiter steigende Preise ab Oktober angeht, wenn die Gasumlage von 2,419 Cent pro Kilowattstunde in Kraft tritt.

Bild von Haus mit Erlus Dachziegeln
Dachziegel sind aktuell schwierig zu bekommen, um solche schönen Bauprojekte zu realisieren (Foto: Erlus).

Dachziegel: Nachfrage kann nicht vollständig bedient werden

Die Lage bei Dachziegeln hat sich durch die vorübergehende Einstellung der Produktion beim Hersteller Nelskamp seit Anfang September noch einmal verschärft. „Wir haben aktuell Bedarfsstände, die wir nicht abdecken können“, erklärt Björn Augustin, Vorstand Warenwirtschaft der Zedach eG und der Dachdecker-Einkauf Süd eG. Durch den Wegfall der Produktionskapazitäten von Nelskamp hat sich die Lage bei den anderen Dachziegel-Herstellern dramatisch zugespitzt. „Die waren vorher schon an der Kapazitätsgrenze und können die Nachfrage nicht vollständig bedienen“, so Augustin. Allerdings starte jetzt im Nelskamp-Werk Unsleben kurzfristig wieder die Herstellung von Tondachziegeln. Auf alle Produkte finde jedoch eine Preiserhöhung über 25 Prozent Anwendung, hinzu käme laut Augustin außerdem ein Energiekostenzuschlag von 20 Prozent. Es bleibt abzuwarten, ob sich dadurch die allgemeine Lage bei Dachziegeln tatsächlich etwas entspannt.

Bild von Björn Augustin
Björn Augustin, Vorstand Warenwirtschaft der Zedach eG und der Dachdecker-Einkauf Süd eG.

Dachziegel: Lieferzeiten reichen bis Anfang 2023

„Die Folge der Produktionsverknappung ist, dass wir Lieferzeiten für Dachziegel haben, die bereits bis ins erste Quartal 2023 reichen.“ Und dass, obwohl es keine Materialreservierungen mehr gibt, also keine Hamsterkäufe. „Wir als Dachdecker-Einkauf Süd eG etwa nehmen Aufträge nur noch gegen Angabe des konkreten Bauvorhabens und des Liefertermins zur Baustelle entgegen“, sagt Augustin. Genauso würden es auch die Hersteller selbst halten.

Weitere Preiserhöhungen ab Oktober durch Gasumlage

Augustin berichtet, dass ein Teil der Dachziegel-Hersteller im Zuge der Gasumlage ab Oktober bereits weitere Preiserhöhungen angekündigt hat – auch auf bestehende Aufträge, da das Produktions- und Lieferdatum als Basis dient. „Wir werden das als zusätzliche Position in der Rechnung ausweisen. So kann der Dachdecker oder Zimmerer es auch gegenüber seinen Kunden kommunizieren.“ Wie es darüber hinaus weitergeht, könne keiner seriös vorhersagen. Vieles hänge laut Augustin an der Frage, wieviel Energie im Winter vorhanden sei und ob bei Einsparungen weitere Produktionskapazitäten wegfallen werden.

Bild von Produktionshalle mit Dachziegeln
Die Dachziegelproduktion läuft auf Hochtouren bei Erlus. (Foto: Erlus)

Nelskamp hatte Dachziegel-Produktion vorübergehend eingestellt

Bei Nelskamp hatte sich das Problem bereits zugespitzt, weil im Rahmen der vorherigen Insolvenz alle mittelfristigen Energielieferverträge weggefallen sind. Das heißt, das Unternehmen muss aktuell Strom und Gas komplett zum Börsenpreis einkaufen, also mit allen hohen Steigerungsraten seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine und den westlichen Sanktionen im Gegenzug. Nelskamp selbst sagt dazu: „Das sind die Folgen der Energiepolitik, die Gas und Strom künstlich verknappt und damit die gegenwärtig untragbare Preisexplosion herbeigeführt hat. Die Fertigung an den drei Dachsteinstandorten läuft uneingeschränkt weiter. Dachsteine sind nicht so energieintensiv und daher von den Kostensteigerungen nicht so stark betroffen wie Tonziegel.“

Energiepreise: mittelfristige Lieferverträge und Einkauf an der Börse

Andere Dachziegel-Hersteller decken zu zwei Dritteln ihren Energiebedarf über mittelfristige Verträge und kaufen den Rest an der Börse zu. Sie sind damit unabhängiger gegenüber den rasant gestiegenen Preisen in Folge der Drosselung und aktuell komplett gestoppten Gaslieferungen aus Russland. Doch diese mittelfristigen Lieferverträge der anderen Dachziegel-Hersteller würden laut Augustin teilweise  in 2023 auslaufen. Da sei es auch unklar, wie sich Produktion und Preise weiterentwickeln.  

Bild von Erlus Werk mit Dachziegel-Lager
Die Produktionsstätte und das Außenlager bei Erlus. (Foto: Erlus)

Erlus führt Produktion in vollem Umfang weiter

Beim Hersteller Erlus AG heißt es dazu in einer Pressemeldung: „Die aktuelle Entwicklung der Energiepreise sowie deren wirtschaftliche Folgen für unsere Branche sorgen für weitere Verunsicherung im Markt. Die Erlus AG kann die Produktion bis auf Weiteres in vollem Umfang fortführen. Dies ist unser Beitrag zur Entspannung der Situation.“ Die Nachfrage nach Ergoldsbacher Dachziegeln sei weiterhin sehr groß. „Aktuell können wir auf keine nennenswerten Lagerbestände mehr zurückgreifen. Da es technisch nicht möglich ist, alle Modelle und Farben parallel zu produzieren, werden sich zwangsläufig die Verfügbarkeiten und damit die Lieferungen einiger Modelle zeitlich verschieben“, erklären Vorstand Peter Hoffmann und Vertriebsleiter Guido Hörer.

Bild von Holzlager der DEG
Dank hoher Lagerkapazitäten in den Niederlassungen sind die fünf Einkaufsgenossenschaften der Dachdecker in Lage, die Versorgungssicherheit mit Holz zu gewährleisten.(Foto: DEG Alles für das Dach eG)

Lieferzeiten bei anderen Materialen haben sich wieder verkürzt

Spürbar entspannt hat sich die Verfügbarkeit bei Dämmstoffen, Holz oder Bitumenschweißbahnen. „Letztere können wir teilweise wieder kurzfristig auf den Hof liefern. Auch bei Dämmstoffen ist die Vorlaufzeit deutlich geringer als noch vor sechs Wochen. Das ist alles wieder planbarer als vorher“, erläutert Augustin. Auch beim Holz ist Material in allen Varianten wieder gut bestellbar. „Einige Betriebe hatten im Sommer Betriebsurlaub und die Industrie hat weiter voll produziert. Hinzu kamen Vorzieheffekte bei der Materialbestellung der Handwerksbetriebe aus dem ersten Halbjahr. Die Versorgungssicherheit sollte bis Jahresende 2022 stabil bleiben.“

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